Interview zu “Leben 2.0″
Lieber Herr Fuchs,
in „Leben 2.0“ wird der siebzehnjährige Max von einem Betrunkenen ohne erkennbaren Grund zusammengeschlagen. Leider ein hochaktuelles Thema. Wie kamen Sie persönlich drauf?
Die Geschichte entstand aus einem Gespräch mit Stefan Wendel, dem Programmleiter des Thienemann Verlages. Wir sprachen über den Erfurter Amokläufer und darüber, ob und wie eine derartige tragische Geschichte in einem Jugendbuch eine Rolle spielen könnte. Ob man sich so einen Amoklauf erklären, herleiten kann. Daraus resultierte die Idee, einmal durchzuspielen, wie es einem Jugendlichen ergehen könnte, dessen heiles, schönes Leben, von einem Tag auf den anderen komplett zerstört wird. Was durchlebt ein Jugendlicher, der unvermittelt neu anfangen muss? Wird er womöglich dadurch zwangsläufig selbst zum Täter? Oder ist es eine Frage des freien Willens, wie er sich entscheidet, welches Leben er weiterführt? Anders formuliert, wird jemand zwangsläufig ein Opfer seiner Umstände? Dass Max zusammengeschlagen wird, war für die Geschichte im Grunde nicht das ausschlaggebende. Er hätte auch einen Unfall erleben können, irgendeinen sonstigen Schicksalsschlag. Wichtig war mir die Situation, dass jemand einfach zu falschen Zeit am falschen Ort war und mit den Folgen dessen klarkommen muss. Und noch wichtiger die Erkenntnis, dass niemand zum Täter werden muss, sondern bis zum letzten Moment immer die Wahl hat.
Nach seinem langen Krankenhausaufenthalt und der Reha durchläuft Max viele verschiedene Phasen, findet neue Rollen. Was passiert da mit ihm?
Dazu muss ich meine Schreibweise erklären. Ich habe die Geschichte so angelegt, wie ich generell einen Roman gestalte. Ich schaffe mir eine Ausgangsposition und dann begebe ich mit meiner Hauptperson auf die Reise. Ich versuche mit ihm die aus dieser Ausgangssituation resultierenden Probleme zu lösen, durchlebe mit ihm die Höhen und Tiefen seinen neuen Lebens. Mit ihm versuche ich Lösungen zu finden, mit ihm muss ich Rückschläge verkraften und mir überlegen, wie kann es mit uns weitergehen. Wo kann ich Hilfe finden. Und ist ein zunächst vielversprechender Ausweg wirklich ein Ausweg? Oder lauern hinter dieser Tür wieder neue Probleme, mit denen ich zunächst gar nicht rechnen konnte. Vieles in diesem Roman war nicht geplant, hat sich aus dem wirklichen Leben ergeben, mussten Max und ich durchleben, ausprobieren und als hilfreich oder nicht hilfreich verarbeiten. Dazu zählten in diesem Falle: Reha, Schule, psychologische Hilfe, Beratung, Verweigerung, Einsicht, Auflehnen, Psychiatrie.
Aber ich denke, so ist es auch im wirklichen Leben, man versucht Dinge, versucht sich in diversen Rollen und muss für sich klären, was davon der eigenen Person heilsam ist. Mir war eine große Hilfe bei dieser Reise durch die Dunkelheit die Max erlebt, die regelmäßigen Gespräche mit einem befreundeten Psychiater. Immer wieder und wieder gingen wir Max´ Lage durch, suchten nach Auswegen, nach neuen, vielleicht ungeahnten Hilfen. Versuchten in Max´ Geschichte Ansatzpunkte zu finden, die es ihm ermöglichen sich neu zu finden.
Soweit meine Perspektive. Auf Max bezogen heißt das, er rudert, er kämpft verzweifelt, er versucht sich zu retten, den einsetzenden Niedergang aufzuhalten. Er greift nach jedem Strohhalm könnte man sagen. Aber letztlich findet er die Lösung, die Hilfe in sich selbst.
Für Max ist die Welt „schräg“ geworden. Kann durch solch ein Ereignis jemand aus seiner Welt fallen?
Ja, davon bin ich überzeugt. Und ich denke, nach jedem Schicksalsschlag erleben wir die Welt um ein paar Grade verschoben. Die große Frage ist, wie wir damit umgehen. Können wir diese Verschiebung ertragen oder arbeiten wir uns daran ab, die alte Sichtweise wiederzuerlangen. Könnte es womöglich sogar sein, dass wir aus einer derartigen Krise gestärkt herauskommen? Das wir begreifen, dieses neue „schräge“ erweitert unsere bisherige, vielleicht begrenzte Sichtweise der Welt. Dafür steht aus Max Aufbruch ins Ungewisse am Ende der Geschichte. Die Einsicht, dass es kein Zurück gibt. Zwar wird Max wieder heil, aber er ist ein anderer.
An einer Stelle im Roman streitet sich Max mit seinem Freund Mark über dieses Thema und der Freund sieht Parallelen zwischen Max Situation und der Neo´s, aus dem Film Matrix.
„Matrix!“
„Wie, Matrix?“, fragte Max.
„Neo hat doch auch das Problem. Alles ist plötzlich schräg, und er muss sich entscheiden, will er die Welt wahrnehmen, wie sie ist oder wie es das Programm vorspielt.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
„Du bist auch aus der Matrix gefallen, sozusagen. Und wie Neo kannst du jetzt entscheiden, ob du diese Gabe nutzen willst, oder ob du wieder in die Maschine zurückwillst.“
„Und was soll ich mit … dieser Gabe … anfangen? Wo ist denn hier die Matrix, gegen die ich deiner Ansicht nach kämpfen soll?“
„Weiß ich doch nicht!“ Ich lache und versuche irgendwie aus diesem Gedankengang wieder rauszukommen. „Und wenn ich es wüsste, dann wäre ich ja selbst Teil der Matrix und würde es dir schon allein deshalb nicht sagen.“
„Arschloch.“
“Danke.”
„Kannst du mir dann wenigstens verraten, wie ich wieder in die Matrix zurückkomme“
„Schreib dir deine eigene?“
Wie kann man einen Ausweg finden?
Dein einen Ausweg gibt es nicht und jeder muss für sich selbst entscheiden, wie der eigene Weg aussieht. Daher ist der Ratschlag von Mark sich seine eigene Matrix zu schreiben, womöglich gar nicht so befremdlich. Nur Max selbst kann sich sein neues Leben so gestalten, dass er sich darin wohl fühlt. Die Versuche von Freunden und Ärzten für Max ein neues Leben zu kreieren mussten scheitern, da sie nicht sein Leben, nicht in Max verankert sind. So ist auch Max Entscheidung zum Ende der Geschichte hin, zuvorderst seine Entscheidung. Und er trifft sie am Punkt seines Lebens, wo er kurz davor ist vom Opfer zum Täter zu werden. Doch es ist seine Entscheidung, er trifft sie ganz allein und diese Entscheidung schützt ihn.
Welche Rolle spielen Freunde und die Familie?
Was haben wir denn letztlich außer Freunden und Familie? Aber leider muss Max, und auch ich beim Schreiben dieses Buches, feststellen, es gibt Probleme, Einschnitte, da kommen selbst Freunde und die Familie an ihre Grenzen. Von daher ist die Geschichte von Max auch zugleich die Geschichte seine Familie, seiner Freunde. Sie alle verändern sich ebenfalls durch das, was Max widerfährt. Und leider ist es im Leben auch mitunter so, dass man begreifen muss, manchmal kann man nicht helfen, muss sich vielmehr selbst schützen. Den anderen loslassen. Gerade für Freunden und Angehörigen von Menschen, die an Depressionen leiden, ist das ein großes Problem. Wo ist der Punkt, an dem ich aufhören muss. An dem ich begreifen muss, ich kann nicht helfen. Max Freundin Lisa Marie muss das schmerzlich begreifen. Wann ist der Moment, ich oder der andere.
Die Geschichte wird von David erzählt. Ist bei einem solch harten Stoff die Sicht von Außen wichtig?
Es wäre mir nicht möglich gewesen, die Geschichte aus Max Perspektive zu erzählen. Ich fand reizvoller, dem Leser möglichst viele Perspektiven auf Max zu ermöglichen. So erschließt sich Max dem Leser zuvorderst durch David, einem Max im Grunde nicht einmal nahestehendem Beobachter. Hinzu kommen die Schilderungen die David von Max Umfeld bekommt und weitergibt. Dadurch konnte ich ein facettenreicheres Bild von Max schildern, als wenn ich mich eng an ihn gehalten hätte.
Und noch eine zweite Ebene war mir durch Davids Bericht möglich. Ich konnte neben Max Geschichte auch Davids Geschichte erzählen. Denn indem er Max Entwicklung schildert, daran teilnimmt, verändert auch er sich. Letztlich erweist sich sein Bestreben Max zu Helfen, als ein Weg selbst endlich mit seinem Leben zu beginnen. Dadurch das er Max hilft, hilft er sich selbst. Ein merkwürdiger Effekt im Leben.


