Schülerinterview

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Eigentlich hatte ich nie vor Schriftsteller zu werden, denn in der Schule hatte ich in Deutsch keine besonders guten Noten, Rechtschreibung und Grammatik waren nicht meine Sache. Außerdem hatte ich eine saumäßige Handschrift, einmal musste ich sogar eine Klassenarbeit mit der Schreibmaschine abschreiben, mit allen Fehlern. Ich wollte zum Radio, denn da, so dachte ich mir, würde nur geredet und nichts aufgeschrieben. Was natürlich so nicht stimmt, wie mir nach Studium, Praktikum und als ich endlich richtig im Rundfunk arbeitete, klar wurde. Ich habe gerne fürs Radio gearbeitet, moderiert, Leute interviewt und Beiträge zusammengeschnitten. Doch nach ein paar Jahren in meinem Traumjob störte mich irgendwann, im Rundfunk ist nichts von Dauer. Ich habe manchmal wochenlang an einer Sendung gearbeitet und dann nach EINER Ausstrahlung hat kein Hund mehr danach gebellt. Daher fing ich an, fürs Radio Hörspiele zu schreiben, denn die lebten länger, wurden wiederholt oder manchmal sogar auf CD veröffentlich. Zunächst waren es ausschließlich Hörspiele für Kinder, dann auch für Erwachsene. Im Laufe der Jahre kamen so sicher 30 Hör-Geschichten zusammen und eines Tages fragte mich jemand von einem Verlag, ob ich nicht Lust hätte, eins dieser Hörspiele zu einem Kinderbuch umzuarbeiten. Da ich zwischenzeitlich meinen Frieden mit der Rechtschreibung geschlossen hatte, fand ich die Idee reizvoll. Dass der Verlag, der mich darum gebeten hatte, anschließend dann das Buch doch nicht haben wollte, störte mich nicht weiter. Denn einer der nächsten Verlage, an den ich das Skript sandte, der Thienemann Verlag, hatte Interesse und so entstand “Julia, die Schreckliche”. Damit hatte ich Blut geleckt, weitere Bücher folgten. Das auch meine Mutter schon Kinderbücher geschrieben hat, machte den Schritt zum Schreiben natürlich einfacher. Nicht, weil sie mir bei meinen Büchern geholfen hätte, sondern ich wusste durch sie, dass Bücher von sehr normalen Menschen geschrieben werden. In den nächsten Jahren war ich dann irgendwie teilzeitbeschäftigt. Teilzeit-Schriftsteller, Teilzeit-Radiomoderator, irgendwann auch Teilzeit-Redakteur und 1999 merkte ich, ich muss mich jetzt entscheiden. Alles zusammen geht nicht mehr, diese vielen Teilzeitgeschichten gingen nicht mehr unter einen Hut. Und ich entschied mich dafür nun ganz Autor, Schriftsteller zu werden. Seitdem leben meine Familie und ich von dem, was ich schreibe: Bücher, Radioszenen, Sketche für den Kakadu des DeutschlandRadio Berlin und funkjournalistische Beiträge für Kinder und Erwachsene.

Warum schreibst du, was und wen willst du damit erreichen?

Ich habe mal gelesen (der Satz ist von Heimito von Doderer), dass es kein absolutes Kriterium dafür gibt, ob etwas, dessen wir uns entsinnen, gelesen, geträumt oder gelebt ist. Deshalb schreibe ich. Denn in den Jahren nach meinem ersten Buch ist mir klar geworden, was ich mit einem Buch bewirken kann. Dass ich meinen Büchern, Lesern Figuren, Geschichten und Erinnerungen ins Gehirn pflanzen kann, die zu ihren eigenen werden. Das für Kinder und Jugendliche die Helden in meinen Geschichten zu ihren Freunden werden können, deren Erlebnisse sie miterleben und denen sie vertrauen. Und vielleicht vermeiden sie so mache der Fehler, die die Akteure in meinen Geschichten machen. Und da ich selbst eine Mist in meinem Leben gebaut habe, weiß ich worüber ich schreibe, wenn ich meine Figuren in ihre Abenteuer schicke.
Ich habe als Schriftsteller die einmalige Chance, indem ich meine Leser unterhalte, ihnen etwas über die Welt zu erzählen. Sie dazu zu verführen, durch Lesen sehr viel mehr von der Welt zu erfahren, als sie es selbst jemals erleben könnten. Nur indem sie lesen. Das ist Ansporn und Verpflichtung. Die übrigen Gründe, warum ich Schreibe, sind banal. Ich lese gerne, ich mag Bücher, ich liebe den Moment, wenn der Postbote klingelt und ich ein Paket öffnen darf in dem zwanzig Exemplare eines neuen Buches drin sind. Zwanzig mal mein Name, das eigene Buch in die Hand zu nehmen, zu lesen, Freunden zu zeigen, später in einer Schulklasse stehen und daraus vorlesen, das ist wunderbar. Oder neulich kam ich in eine Klasse, da hatten ALLE mein Buch vor sich liegen, jeder hatte von ihnen hatte es gelesen, das sind Momente da möchte ich keinen anderen Beruf haben. Nicht so sehr mag ich meinen Beruf, wenn ich mal mit einer Geschichte stecken bleibe, oder ich weiß, ich habe noch endlos viele Seiten vor mir. Dann ist der Berg vor mir sehr hoch. Eine Idee für eine Geschichte zu haben ist Vergnügen, die Geschichte ins Detail umzusetzen, sie zu schreiben, ist harte Arbeit.

Für wen genau schreibst du eigentlich?

Angefangen habe ich für kleinere Kinder und ich dachte, das würde auch meine Zielgruppe bleiben. Doch dann sind mit meinem eigenem Älterwerden Geschichten in mir gereift, die Leser dieses Alters einfach nicht interessieren. Und so ist es dazu gekommen, dass ich mich im Laufe der Zeit auch an immer ältere Leser richte. Aber das ist nur ein Erweitern, keine Ablöse. Mal möchte ich eben eine Geschichte für die kleinen erzählen, mal eben eine für die Älteren. Ansonsten gilt: Wer immer sich davon angesprochen fühlt.

Wie kam es zu dem Buch Summer Rave?

Hmm, nun ja, ich hatte einfach Lust eine Geschichte übers Klauen zu erzählen, ich selbst war als Jugendlicher diesbezüglich aktiv gewesen und war, obwohl ich glaubte besonders clever zu sein, irgendwann dabei erwischt worden. Und das hatte für mich natürlich Folgen. Diese Erfahrung war die Ausgangsidee. Zugleich lässt sich aber ja nicht einfach so ein Buch übers Klauen schreiben, da muss eine Geschichte dabei sein. Eine Liebesgeschichte beispielsweise. Des weiteren habe ich mir überlegt, wie kann ich, bzw. was kann ich meinen Held klauen lassen, um seinen Diebstahl zu tabuisieren. Klauen selbst ist heute kein Tabu mehr – egal ob Ladendiebstahl, Steuerhinterziehung oder Korruption, was zu bedauern ist, aber es ist so – ich wollte aber, dass sich mein Held für den Diebstahl schämt. So kam es zu dem Unterwäschediebstahl für seine Freundin, ja und dann hatte ich zu diesem Zeitpunkt eine Reportage über dies Tauschringsystem gemacht und fand diese Idee toll. Was lag es also näher, als Alternative zum Klauen diese Art des geldlosen Zugewinn in das Buch zu packen, und was könnte es für ein musikbegeisterten Jugendlichen Erstrebenswerteres geben, wie so einen eigenen Wagen für die Love-Parade auf die Räder zu stemmen. Aber auch aus einem noch ganz anderem Grund war mir diese Tauschringidee so wichtig. Ich empfinde die Zeit für heutige Jugendliche nicht sehr entgegenkommend, eher feindlich, überall werden Angebote abgebaut, gespart wird bei Kindern und Jugendlichen zuerst. Doch dieses Tauschringsystem ist eine Art Ausweg für ärmere Kinder, es ändert zwar nicht das komplette System, lindert aber die Auswirkungen.

Warum schreibst du die Lukas-Serie für die Reihe “Für Mädchen verboten”?

Als mein Lektor Stefan Wendel mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, mich an einer Reihe von Büchern über die Pubertät zu beteiligen, wusste ich anfangs nicht recht, ob ich das wollte. Denn meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit waren mir schon sehr peinlich. Doch dann hatte ich ein Schl6uuml;sselerlebnis. Ich fragte abends mal in meinem Bekanntenkreis nach deren Erlebnissen aus diesen Jahren. Es wurde ein herrlicher Abend. Denn was meine Freunde an Storys von sich gaben, übertrafen meine Peinlichkeiten um Längen und ich dachte, gegen deren Geschichten war ich ja noch direkt normal, warum hat mir damals niemand so was erzählt. Damit war die Idee für Lukas geboren. Dem Leser soll sich das Gefühl vermitteln, dass er diese Nöte und Wirrungen nicht alleine hat, das es andere gibt, – in diesem Falle Lukas – denen noch viel peinlichere, schlimmer Sache widerfahren und er soll darüber lachen können. Denn wenn er darüber lacht, dann ist der Schmerz – und die Pubertät ist eine Zeit voller Schmerzen – nicht mehr ganz so groß. Die von mir geschätzten Autoren der Neuen Frankfurter Schule haben einmal das Motto geprägt: Vor den steckengeblieben Karren der Aufklärung den Esel der Satire zu spannen. Nun, das nehme ich bei Lukas wörtlich. Unter diesem Aspekt lasse ich Lukas nun heranwachsen. Ging es im ersten Band nur um die ersten Fakten der Aufklärung, dreht es sich im zweiten Buch um die Problematik, wie schafft es Lukas seine erste Beziehung und Freundschaft zu vereinbaren. Im dritten Band geht es dann darum, was eine Freundschaft erträgt und so weiter. Wenn Mädchen, trotz des Verbotes, die Lukasgeschichte lesen, dann können auch sie davon profitieren. Sie verstehen danach vielleicht etwas besser, von welchen inneren Dämonen ihre männlichen Altersgenossen getrieben werden. Bei Lesungen mache ich übrigens die Erfahrung, die Mädchen lachen zuerst, während die Jungens anfangs eher rot werden.

Post aus der Zukunft (inzwischen unter dem Titel “Warnung aus der Zukunft” bei Arena als Taschenbuch) ist ein ganz anderes Buch. Warum?

Ja, warum. Weil ich einfach auch gerne ganz andere Geschichten erzähle. Ich mag die amerikanische Thrillerliteratur. In eine spannende Story verpackt, erfahre ich etwas über ein anderes Land, die Geschichte oder beispielsweise wie Gesetze funktionieren usw. Diese Bücher standen für mich hier als Vorbild. Nur, ich mag andererseits keine Geschichten, in denen jemand die Welt rettet, auch dann nicht, wenn dieser Jemand 15. Jahre alt ist. Ein (Kinder)-James-Bond interessiert mich nicht, den gibt es nicht und den braucht die Welt auch nicht. Daher ging es für mich darum, den Leser in ein spannendes Abenteuer, also etwas Großes zu schicken, in dem es aber hintergründig um die Dinge geht, die wirklich wichtig sind: Freundschaft, Ehrlichkeit, Zivilcourage und Mut etwas zu wagen, auch wenn es sich nachträglich als falsch herausstellt. Das zum Überbau. Die Geschichte selbst fußt auf der Idee, was wäre wenn ich Post aus der Zukunft bekommen würde. Womöglich noch von mir selbst, was würde ich mir selbst mailen? Weltpolitk? Reichtum? Persönliches Glück? Würde ich mir glauben? Und würde ein Verändern meiner Geschichte, hin zu einem vermeintlichen anderen Glück, nicht vieles anders Schöne auslöschen? Denn was bedingt was? Und viel Glückbringendes ergibt sich aus Dingen, die erst sehr verletzend waren. Ein zweites Thema war für mich der Reichstag, ich mag das Gebäude in all seiner durch die Geschichte ramponierten Pracht und es reizte mich meinen Roman in und um diesem Gebäude anzusiedeln. Der Rest ergab sich dann, beziehungsweise war viel Arbeit und Grübeln, allein am Schreibtisch, mit einem gutem Freund in einer kleinen Berliner Bar, wo wir mit immer mehr leeren Caipirinha-Gläsern den Geschichtsverlauf auf dem Tisch simulierten und variierten und dann natürlich die Textarbeit mit meinem Lektor Stefan Wendel. Beim Schreiben der Geschichte hatte ich das Gefühl, einen fertigen Film, der in meinem Kopf ablief, zu Papier bringen zu müssen. All die Elemente die jetzt in der Geschichte wichtig sind, haben sich so fast von selbst in das Buch geschrieben. Überlegungen zum gerechten Attentat, vom Umgang mit der Geschichte, Gedanken zur Politik und über Freundschaft. Dabei sollte es eigentlich nur eine spannende Geschichte werden.

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